Antwort der Landesregierung auf eine Parlamentarische Anfrage zu möglichen Gefahren von Energydrinks bei Kindern und Jugendlichen

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Quelle: Landtag Niedersachsen. Foto: Tom Figiel.

 

Anfrage der Abgeordneten Dr. Gabriele Andretta und Ronald Schminke (SPD):

"Wie können Kinder und Jugendliche vor Gesundheitsgefährdungen durch
Energydrinks und/oder Shots geschützt werden?"

Antwort des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung namens der Landesregierung

 

Vorbemerkung der Abgeordneten

Energydrinks sind bei Jugendlichen als Muntermacher in Diskotheken, auf LAN-Partys oder für die Schule sehr beliebt. Nach einer Ende Mai veröffentlichten Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit greifen bereits 68 % der Teenager in der EU zu Energydrinks. Jeder vierte von ihnen überschreitet mit drei und mehr Dosen hintereinander die als unbedenklich eingestufte Menge Koffein. In Deutschland trinkt jeder zehnte Jugendliche regelmäßig das aufputschende Getränk.

Die Gesellschaft der Europäischen Kinderkardiologen warnt eindringlich vor Gesundheitsgefahren durch den Konsum von Energydrinks, denn sie stehen im Verdacht, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle, Nierenversagen und sogar Todesfälle zu verursachen.

Sie fordert daher genauso wie die Verbraucherzentrale Niedersachsen, den Verkauf von Energydrinks an Jugendliche unter 18 Jahren zu verbieten. Darüber hinaus fordert die Verbraucherzentrale eine strengere Kennzeichnung mit Warnhinweisen auf den Energydrinks. Diese sollten gleich auf den Vorderseiten der Dosen zu lesen sein.

Vorbemerkung der Landesregierung

Bei „Energy Drinks“ handelt es sich um koffeinhaltige Erfrischungsgetränke, die zusätzlich zu Koffein noch weitere Substanzen enthalten. Für Energydrinks wurden aus Gründen des vorsorgenden gesundheitlichen Verbraucherschutzes in den Jahren 2011 und 2012 spezifische Rechtsvorschriften erlassen. So hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung für bestimmte, in Energydrinks verwendete Stoffe wie Koffein und Taurin Höchstmengen festgelegt, die seit dem 2. Juni 2013 anzuwenden sind. In Deutschland ist für sie ein Höchstgehalt von 320 mg Koffein pro Liter festgesetzt. Getränke, die mehr als 150 mg Koffein pro Liter enthalten, müssen den Hinweis „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“ tragen. Dieser Hinweis muss im gleichen Sichtfeld wie die Verkehrsbezeichnung angebracht werden, gefolgt von einer Angabe zum Koffeingehalt. Von dieser Regelung ausgenommen sind Kaffee oder Tee bzw. Getränke, die auf Kaffee- oder Teeextrakt basieren und bei denen der Begriff „Kaffee“ oder „Tee“ in der Bezeichnung vorkommt.

Die als Nahrungsergänzungsmittel einzustufende „Shots“ und/oder „Sweets“ gleichen in ihrer Zusammensetzung den „Energy Drinks“, enthalten jedoch wesentlich weniger Wasser und werden in kleineren Portionseinheiten (25 bis 75 Milliliter) angeboten. Die Konzentration an Koffein in den „Energy Shots“ liegt meist deutlich über der in „Energy Drinks“. Dadurch kann in sehr kurzer Zeit eine viel höhere Menge an Koffein konsumiert werden. „Energy Shots“ werden von den Herstellern als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und dürfen daher nur mit einer Verzehrempfehlung in den Verkehr gebracht werden. Sowohl „Energy Drinks“ als auch „Shots“ und/oder „Sweets“ werden damit beworben, die Konzentrationsfähigkeit und körperliche Leistung zu steigern. Diese Wirkung wird in erster Linie dem Koffein zugeschrieben.

Hinsichtlich der wachsenden Popularität von Energy Drinks insbesondere bei Kindern und Jugendlichen hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine Studie veröffentlicht, wonach unter den Befragten die Altersgruppe der Jugendlichen (68 % aller Befragten) am ehesten Energy Drinks zu sich nimmt und der Konsum bei Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren schätzungsweise 43 % ihrer Gesamtexposition gegenüber Koffein ausmacht.

Etwa 68 % der befragten Jugendlichen (10 bis 18 Jahre) konsumieren Energy Drinks. Davon zählen etwa 12 % aufgrund ihres durchschnittlichen monatlichen Konsums von 7 Litern zu den „stark chronischen“ und weitere 12 % zu den „stark akuten“ Konsumenten. Nicht zu vernachlässigen ist laut der Studie auch die Koffein-Aufnahme, die nicht zwingend durch Energy Drinks erfolgt, sondern z. B. auch durch kakaohaltige Getränke.

Etwa 18 % der befragten Kinder (3 bis 10 Jahre) konsumieren Energy Drinks. Von ihnen trinken rund 16 % pro Woche im Schnitt 0,95 Liter (nahezu 4 Liter pro Monat) und gelten damit als „stark chronische“ Konsumenten.

1. Wie bewertet die Landesregierung die Ergebnisse vorliegender Untersuchungen zum Verzehr und zur gesundheitlichen Wirkung von Energydrinks, Shots und/oder Sweets im Hinblick auf mögliche Gesundheitsgefahren für Kinder und Jugendliche?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat sich zuletzt in den Publikationen „Fragen und Antworten zu Koffein und koffeinhaltigen Lebensmitteln, einschließlich Energy Drinks, FAQ“

vom 23. Juli 2015 und der Veröffentlichung (Endbericht) „ Anlassbezogene Befragung von Hochverzehrern von Energy-Drinks“ aus 2013 mit dieser Thematik befasst. Aus diesen Veröffentlichungen können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

Bei hohen Aufnahmemengen von Koffein können unerwünschte Wirkungen auftreten, wie. z. B. erhöhte Nervosität und Erregbarkeit, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche und Herzrasen. Das Auftreten der unerwünschten Wirkungen hängt allerdings stark von der individuellen Empfindlichkeit gegenüber Koffein und der eingenommenen Dosis ab. Über einen längeren Zeitraum kann ein übermäßiger Koffeinkonsum zu Herzkreislaufproblemen, wie z. B. erhöhtem Blutdruck, führen. Bei Schwangeren kann eine über längere Dauer erhöhte Koffeinzufuhr zu einem verminderten Wachstum des Fötus führen. Dabei können die stimulierenden Effekte von Koffein bereits 15 bis 30 Minuten nach dem Verzehr eintreten und mehrere Stunden anhalten.

Die EFSA hat in ihrer abschließenden Stellungnahme zur gesundheitlichen Bewertung der Aufnahme von Koffein über Lebensmittel vom 27. Mai 2015 Koffeinmengen abgeschätzt, die für die gesunde Allgemeinbevölkerung unbedenklich sind. Demnach stellen für gesunde Erwachsene Aufnahmemengen von bis zu 200 mg als Einzeldosis bzw. dieselbe Menge innerhalb kurzer Zeit (entsprechend 3 Milligramm (mg) pro Kilogramm (kg) Körpergewicht) kein gesundheitliches Risiko dar. Über den Tag verteilt gilt für gesunde Erwachsene eine Aufnahme von bis zu 400 mg Koffein als gesundheitlich unbedenklich. Gleichzeitig stellte sie bei bestimmten Bevölkerungsgruppen eine erhöhte Koffeinaufnahme fest, was darauf schließen lässt, dass die Verzehrhinweise auf den Verpackungen offenbar nicht durchgängig beachtet werden. In der Vergangenheit traten Fälle von Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen, Nierenversagen und Todesfälle auf, die in einem möglichen Zusammenhang mit dem Konsum von Energy Drinks gesehen wurden, insbesondere wenn diese zusammen mit Alkohol oder ausgiebiger sportlicher Betätigung aufgenommen wurden. Eine Kausalität wurde aber bislang nicht bewiesen.

Die Aussage zu den Verzehrhinweisen seitens der EFSA wird durch den bereits genannten Endbericht des BfR bestätigt: So wurden Konsumenten (21 bis 36 Jahre) der „Energy Drinks“ in Diskotheken, Clubs, auf der Straße im Umfeld solcher Einrichtungen, bei Sportveranstaltungen oder auch LAN-Partysbefragt. Als Ergebnis kann festgehalten werden:

– Der Verzehr relativ großer Mengen „Energy Drinks“ von über 1 000 ml pro Abend ist nicht ungewöhnlich.

– Vor allem Befragte bei LAN- Partys zeigen im Vergleich zu den übrigen Gruppen einen deutlich höheren Konsum.

– Innerhalb der erzielten Stichprobe ist auch der Konsum von „Energy Drinks“ in Kombination mit Alkohol weit verbreitet.

– Von geringer Bedeutung ist der Konsum von „Energy Shots“. Diese hochkonzentrierten Energy-Getränke spielen allenfalls im Bereich Sport eine Rolle.

Zusammenfassend kommt das BfR zu dem Schluss, dass sich gesundheitliche Risiken ergeben, wenn „Energy Drinks“ in größeren Mengen und insbesondere in Zusammenhang mit größeren Mengen an Alkohol konsumiert werden. In der Vergangenheit wurden in einigen Fallberichten nach dem Konsum von „Energy Drinks“ - oft in Zusammenhang mit dem gleichzeitigen Verzehr von Alkohol - schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen wie z. B. Herzrhythmusstörungen, teilweise mit Todesfolge, beschrieben. Ein kausaler Zusammenhang konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden.

Das BfR hat sich für Hinweise auf den Etiketten von Energy Drinks ausgesprochen. Diese sollten beinhalten, dass bestimmte Verbrauchergruppen (Kinder, Schwangere, Stillende, koffeinempfindliche Personen) auf den Verzehr von Energy Drinks verzichten sollten. Außerdem sollten sie auf mögliche unerwünschte Wirkungen im Zusammenhang mit ausgiebiger sportlicher Betätigung oder Alkoholkonsum hinweisen.

Die Landesregierung schließt sich dieser Bewertung an und schließt insbesondere bei missbräuchlicher Verwendung von „Energy Drinks“ und „Shots“ durch Kinder und Jugendliche eine mögliche Gesundheitsgefährdung nicht aus. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bemüht sich um mehr Aufklärung und warnt vor allem vor der Kombination Energy Drinks und Alkohol. Die niedersächsischen Aktivitäten zur Gesundheitsförderung und gesundheitlichen Aufklärung zielen auf mehr eigenverantwortliches Handeln und Selbstbestimmung - insbesondere bei Jugendlichen.

2. Unterstützt die Landesregierung die Forderung der Verbraucherzentrale Niedersachsen nach einem Verkaufsverbot von Energydrinks an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren?

Die Verbraucherzentralen halten eine bessere Kennzeichnung der Produkte wie Energy Drinks für dringend erforderlich: Der Hinweis „erhöhter Koffeingehalt“ sei völlig unzureichend. Auch der Warnhinweis „Für Kinder und schwangere und stillende Frauen nicht geeignet“, der inzwischen Pflicht ist, reiche nicht aus. Die Verbraucherzentralen fordern, dass diese Hinweise deutlich sichtbar auf der Vorderseite der Produkte stehen sollten.

Die von den Verbraucherzentralen erhobene Forderung nach einem Verkaufsverbot hält die Landesregierung für unterstützenswert. Aus förmlichen Gründen kann diese Forderung nicht umgesetzt werden, da die vorliegende EFSA-Studie keine hinreichende Grundlage für ein Verkaufsverbot von Energydrinks an Kinder und Jugendliche enthält.

Die Jugend- und Familienministerkonferenz hat sich auf ihrer Sitzung am 21./22. Mai 2015 mit den Fragen befasst, ob und wie im Rahmen einer Novellierung des Jugendschutzgesetzes ein Verkaufs- und Abgabeverbot von Energydrinks an Kinder und Jugendliche verankert werden sollte, mit dem Ergebnis, die EFSA-Studie abzuwarten. Diese liegt nun vor, enthält jedoch wie unter Ziffer 1 ausgeführt keine hinreichende Grundlage für ein Verkaufsverbot von Energydrinks an Kinder und Jugendliche, da eine kausale Gesundheitsgefährdung bislang nicht bestätigt wurde.

3. Wird sich die Landesregierung dafür einsetzen, über eine Änderung im Jugendschutzgesetz eine Altersbeschränkung für die Abgabe von Energydrinks und/oder -shots gegenüber Kindern und Jugendlichen einzuführen? Falls nein, warum nicht?

Aus den unter Ziffer 1 und 2 genannten förmlichen Gründen setzt sich die Landesregierung derzeit nicht für eine Änderung des Jugendschutzgesetzes ein. Energy Drinks und Energy Shots sollte eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Neben dem Jugendschutz sieht die Landesregierung auch aus Verbraucherschutzgründen die Notwendigkeit, das Bewusstsein junger Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang mit koffeinhaltigen Getränken zu stärken. Dieses kann durch Verbraucheraufklärung gelingen. Durch Verbraucheraufklärung sollten Energy Drinks und Energy Shots auch weiterhin als Gefährdungsbereiche dargestellt werden. Dadurch sollte auf aktuelle Konsuminteressen von Kindern und Jugendliche mit besonderen Präventionsstrategien eingegangen werden, um das Bewusstsein junger Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang mit koffeinhaltigen Getränken zu stärken.

 

 

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