Andretta macht Klingebiel-Zelle zum Thema im Landtag

 
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Die Klingebiel-Zelle oder Zelle Nr. 117 befindet sich im sogenannten „Festen Haus“ auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses Rosdorfer Weg in Göttingen. Die Zelle steht seit 2012 unter Denkmalschutz, sie gilt in ihrer Art als ein weltweit einzigartiges Kunstwerk der „outsider-art“.

 

Die Zelle ist bis heute öffentlich nicht zugänglich, lediglich eine begehbare Rauminstallation macht bisher das Werk Klingebiels erlebbar. Zuständig für die Zelle ist das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD), da es sich beim „Festen Haus“ um eine Liegenschaft des Landes Niedersachsens handelt. Den Verbleib der Klingebiel-Zelle macht die Göttinger Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta (SPD) nun zum Thema im Landtag.

„Seit Schließung des alten „Festen Hauses“ im Jahr 2015 stellt sich die Frage nach dem Verbleib der Klingebiel-Zelle und der Nachnutzung des „Festen Hauses“.  Aufgrund seiner Einzigartigkeit sollte dieses Kunstwerk für die Öffentlichkeit zugänglich und erlebbar sein. Die Zelle ist zugleich ein beeindruckendes Zeitzeugnis der 150jährigen Geschichte der Psychiatrie in Göttingen. So war es der Göttinger Psychiater Ewald als Leiter der damaligen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt, der sich als einer der wenigen Vertreter seiner Profession gegen die von Nationalsozialisten durchgeführte Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen ausgesprochen hatte. Diesem Wirken Ewalds verdankte auch Klingebiel sein Leben. Aufgrund der engen Verbindung zwischen dem Künstler, seinem Exponat und der Göttinger Psychiatriegeschichte sollte die Zelle auch in Göttingen verbleiben. Ich bin sehr gespannt auf die Pläne der Landesregierung“, sagt die Abgeordnete.

Zum Hintergrund:

In der Zelle war der Schlosser Julius Klingebiel (1904-1965) von 1947 bis 1959 gefangen. 1950 begann er mit einfachsten Materialien auf seiner Zellenwand künstlerisch zu arbeiten, wobei seine Themen aus Politik, Technik, Landschaft und Tierwelt stammen. Er galt als zeitweilig verwirrt und lebte ganz in seiner Bilderwelt. Dank der Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegern wurde die Zelle Nr. 117 nach Klingebiels Auszug nicht mehr dauerhaft belegt, so dass die Malereien vollständig erhalten blieben. Julius Klingebiels Werk gilt als herausragendes Beispiel der von der Kunstwissenschaft erst jüngst wahrgenommenen Kunstgattung des Schaffens psychiatrieerfahrener Künstler. Von nicht unerheblich denkmalkonstituierender Bedeutung ist die Lage innerhalb des Gebäudes, das 1909 als „Verwahrungshaus“ für „Geisteskranke der ganzen Provinz Hannover“ errichtet wurde, obwohl das Gebäude selbst nicht als Baudenkmal ausgewiesen wurde.

Kleine Anfragen für die Fragestunde

09. Januar 2018

Wie geht es weiter mit der Klingebiel-Zelle in Göttingen?

Abgeordnete Dr. Gabriele Andretta (SPD)

Vorbemerkung der Abgeordneten

Die Klingebiel-Zelle oder Zelle Nr. 117 befindet sich im sogenannten „Festen Haus“ auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses Rosdorfer Weg in Göttingen. Die Zelle steht seit 2012 unter Denkmalschutz, sie gilt in ihrer Art als ein weltweit solitäres Kunstwerk der „outsider-art“. Die Zelle ist bis heute öffentlich nicht zugänglich, lediglich eine begehbare Rauminstallation macht bisher das Werk Klingebiels erlebbar.  Zuständig für die Zelle ist das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD), da es sich beim „Festen Haus“ um eine Liegenschaft des Landes Niedersachsens handelt.

In der Zelle war der Schlosser Julius Klingebiel (1904-1965) von 1947 bis 1959 gefangen. 1950 begann er mit einfachsten Materialien auf seiner Zellenwand künstlerisch zu arbeiten, wobei seine Themen aus Politik, Technik, Landschaft und Tierwelt stammen. Er galt als zeitweilig verwirrt und lebte ganz in seiner Bilderwelt. Dank der Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegern wurde die Zelle Nr. 117 nach Klingebiels Auszug nicht mehr dauerhaft belegt, so dass die Malereien vollständig erhalten blieben. Julius Klingebiels Werk gilt als herausragendes Beispiel der von der Kunstwissenschaft erst jüngst wahrgenommenen Kunstgattung des Schaffens psychiatrieerfahrener Künstler. Von nicht unerheblich denkmalkonstituierender Bedeutung ist die Lage innerhalb des Gebäudes, das 1909 als „Verwahrungshaus“ für „Geisteskranke der ganzen Provinz Hannover“ errichtet wurde, obwohl das Gebäude selbst nicht als Baudenkmal ausgewiesen wurde. Seit Schließung des alten „Festen Hauses“ im Jahr 2015 stellt sich die Frage nach dem Verbleib der Klingebiel-Zelle und der Nachnutzung des „Festen Hauses“.

Die Stadt Göttingen hat mehrfach Ihr Interesse an dem Verbleib der Klingebiel-Zelle in Göttingen bekundet, da das Exponat und das Schicksal seines Künstlers Julius Klingebiel aufs Engste mit der besonderen 150-jährigen Geschichte der Psychiatrie in Göttingen verbunden ist. So war es der Göttinger Psychiater Ewald als Leiter der damaligen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt, der sich als einer der wenigen Vertreter seiner Zunft gegen die von Nationalsozialisten durchgeführte Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen ausgesprochen hatte. Diesem Wirken Ewalds verdankte auch Klingebiel sein Leben.

 

  1. Welche Optionen mit welchem Ergebnis wurden geprüft, um den dauerhaften Erhalt der Klingebiel-Zelle in Göttingen sicherzustellen und öffentlich zugänglich zu machen?
  2. Welche Pläne verfolgt die Landesregierung bezogen auf die Nachnutzung des alten „Festen Hauses“?
  3. Inwieweit werden die Pläne der Liegenschaftsverwaltung zur künftigen Verwendung des alten „Festen Hauses und der Verbleib der Klingebiel-Zelle mit der Stadt Göttingen abgestimmt?

gez. Dr. Gabriele Andretta

 Wie geht es weiter mit der Klingebiel-Zelle in Göttingen?
Abgeordnete Dr.Gabriele Andretta (SPD)

Antwort des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur namens der Landesregierung

Vorbemerkung der Abgeordneten:

Die Klingebiel-Zelle oder Zelle Nr. 117 befindet sich im „Festen Haus“ auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses Rosdorfer Weg in Göttingen. Die Zelle steht seit 2012 unter Denkmalschutz, sie gilt in ihrer Art als ein weltweit solitäres Kunstwerk der „outsider-art“. Die Zelle ist bis heute öffentlich nicht zugänglich, lediglich eine begehbare Rauminstallation macht bisher das Werk Klingebiels erlebbar.
Zuständig für die Zelle ist das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege, da es sich beim „Festen Haus“ um eine Liegenschaft des Landes Niedersachsens handelt.In der Zelle war der Schlosser Julius Klingebiel (1904 bis 1965) von 1947 bis 1959 gefangen. 1950 begann er, mit einfachsten Materialien auf seiner Zellenwand künstlerisch zu arbeiten, wobei seine
Themen aus Politik, Technik, Landschaft und Tierwelt stammen. Er galt als zeitweilig verwirrt und lebte ganz in seiner Bilderwelt. Dank der Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegern wurde die Zelle Nr.117 nach Klingebiels Auszug nicht mehr dauerhaft belegt, sodass die Malereien vollständig erhalten blieben. Julius Klingebiels Werk gilt als herausragendes Beispiel der von der Kunstwissenschaft erst jüngst wahrgenommenen Kunstgattung des Schaffens psychiatrieerfahrener Künstler.
Von nicht unerheblich denkmalkonstituierender Bedeutung ist die Lage innerhalb des Gebäudes, das 1909 als „Verwahrungshaus“ für „Geisteskranke der ganzen Provinz Hannover“ errichtet wurde, obwohl das Gebäude selbst nicht als Baudenkmal ausgewiesen wurde. Seit Schließung des alten „Festen Hauses“ im Jahr 2015 stellt sich die Frage nach dem Verbleib der Klingebiel-Zelle und der Nachnutzung des „Festen Hauses“.

Die Stadt Göttingen hat mehrfach ihr Interesse an dem Verbleib der Klingebiel-Zelle in Göttingen bekundet, da das Exponat und das Schicksal des Künstlers Julius Klingebiel aufs Engste mit der besonderen 150-jährigen Geschichte der Psychiatrie in Göttingen verbunden sind. So war es der Göttinger Psychiater Ewald als Leiter der damaligen Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt, der sich als einer der wenigen Vertreter seiner Zunft gegen die von Nationalsozialisten durchgeführte Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen ausgesprochen hatte. Diesem Wirken Ewalds verdankte auch Klingebiel sein Leben.


Vorbemerkung der Landesregierung:
Beim „Festen Haus“ Göttingen handelt es sich um eine leerstehende Liegenschaft des Landes Niedersachsen, für die die rechtlichen Vorgaben der LHO zu berücksichtigen sind. Die im Obergeschoss des Südflügels befindliche Klingebiel-Zelle ist seit 2012 in das Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen. Die Liegenschaft wird seit dem Auszug des Hochsicherheitsbereichs des Maßregelvollzugszentrums Niedersachsen, Fachkrankenhaus für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Moringen, durch das Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften als Fondsverwaltung des Sondervermögens Landesliegenschaftsfonds Niedersachsen betreut und vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege beim konservatorischen Erhalt und Monitoring der Klingebiel-Zelle unterstützt.

1. Welche Optionen mit welchem Ergebnis wurden geprüft, um den dauerhaften Erhalt der Klingebiel-Zelle in Göttingen sicherzustellen und diese öffentlich zugänglich zu machen?

Die Stadt Göttingen hat sich im Februar 2015 beim Land Niedersachsen nachhaltig für den dauerhaften Verbleib des kulturhistorischen Denkmals der Klingebiel-Zelle vor Ort ausgesprochen mit dem Ziel, das künstlerische Erbe von Julius Klingebiel in seinem kulturhistorischen Bezug der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vor diesem Hintergrund wurden unter Einbindung des Finanzministeriums mehrere Gespräche mit der Stadt Göttingen zur Entwicklung alternativer Handlungsoptionen geführt. Dazu gehörten insbesondere der Erwerb bzw. die Nutzung der Liegenschaft durch die Stadt Göttingen. Auch die Option einer dauerhaften Verlagerung der Klingebiel-Zelle in das städtische Museum Göttingen, in Räumlichkeiten der Georg-August-Universität Göttingen oder der Universitätsmedizin Göttingen wurden als Möglichkeiten eruiert und die Machbarkeit und Kosten für eine Translozierung ermittelt. Die Stadt Göttingen hat sich aufgrund eines Ratsbeschlusses im Juli 2015 abschließend dafür ausgesprochen, dass die Klingebiel-Zelle in die medizinhistorische Sammlung der Universitätsmedizin verlagert und dort repräsentativ öffentlich zugänglich gemacht werde solle. Dabei hätte der Empfänger die erheblichen Kosten für eine derartige Translozierung zu tragen. Die Zelle verlöre mit einer Translozierung ihre Denkmaleigenschaft. Auch das Sprengel Museum Hannover hat sich um die Klingebiel-Zelle bemüht. Jedoch teilte der Direktor des Sprengel Museums im Rahmen der Verwaltungskommission am 22. März 2016 mit, dass das Museum nicht über die Ressourcen verfüge, die Aufgabe der Translozierung zu übernehmen. Die Stadt Göttingen hat schließlich mit Schreiben vom 10. Oktober 2016 mitgeteilt, dass auch sie aufgrund der räumlichen Struktur des Gebäudes, der Erschließung wie auch der planerischen Möglichkeiten kein Interesse an der vom Land Niedersachsen angebotenen Übernahme der Liegenschaft „Festes Haus“ habe.Das Land prüft derzeit, ob eine geeignete Nachnutzung des „Festen Hauses“ innerhalb der Landesverwaltung erreicht werden kann, die auch den dauerhaften Erhalt und den öffentlichen Zugang der Klingebiel-Zelle gewährleistet.

2. Welche Pläne verfolgt die Landesregierung bezogen auf die Nachnutzung des alten „Festen Hauses“?

Siehe Antwort zu Frage 1.

3. Inwieweit werden die Pläne der Liegenschaftsverwaltung zur künftigen Verwendung des alten „Festen Hauses“ und der Verbleib der Klingebiel-Zelle mit der Stadt Göttingen abgestimmt?

Die Möglichkeiten zur weiteren Verwendung der Liegenschaft sind mit der Stadt Göttingen als Trägerin der Planungshoheit mehrfach erörtert worden. Dabei sind insbesondere die in bauplanungsrechtlicher Hinsicht denkbaren bzw. überhaupt infrage kommenden künftigen Nutzungen für diese Liegenschaft Gegenstand gewesen. Die Liegenschaft befindet sich in einem im Flächennutzungsplan als Sonderbaufläche (S) gekennzeichneten Gebiet, ein Bebauungsplan ist nicht vorhanden; die Zulässigkeit von Vorhaben ist deshalb gegenwärtig nach § 34 BauGB zu beurteilen. Aufgrund der sensiblen Umgebungsnutzungen - Jugendanstalt Leineberg, neues Maßregelvollzugszentrum, ehemaliges Landeskrankenhaus (nunmehr in Trägerschaft Asklepios) - und verschiedener Erschließungsproblematiken kann eine angemessene Nachnutzung nur durch intensive Kooperation gelingen